„Der Krieg hat meine Heimat zerstört“

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Aleppo in Syrien

Der syrische Ingenieur Abram Radwan legt beim Gespräch seine Hände immer wieder schützend auf die Plastikhülle mit den Bildern aus seiner Heimatstadt Aleppo und seinem Manuskript. Er hält am Weltflüchtlingstag, dem 20. Juni, einen Vortrag in Büdingen unter dem Titel „Aleppo: Wiege der Hochkultur – Opfer des Terrors – Zukunft ungewiss“. Die wenigen Worte umschreiben nicht nur die Situation der einst stolzen und traditionsreichen zweitgrößten Stadt in Syrien. Auch sein Leben spiegelt sich in dieser Geschichte wider.

Das Geld zur Flucht reichte nicht für alle

Ruhig und äußerlich gefasst berichtet der 47-jährige Atomingenieur und ehemalige Professor an der Universität Aleppo, wie seine geordnete und erfolgreiche berufliche Existenz durch den Krieg und das Assad-Regime aus den Fugen geraten ist. Er hat viel gesehen, hat in der Ukraine studiert, in Bulgarien promoviert und in Japan ein Praktikum absolviert. Aber seine Heimat mit ihren kunsthistorischen Schätzen und altertümlichen Bauten, die einstmals 2,5 Millionen Menschen fassende Metropole im Norden Syriens und ihre islamische Kultur liegen ihm besonders am Herzen. Doch diese Stadt und ihre Bürger sind untergegangen in der unglaublichen Zerstörungswut des Bürgerkrieges und des Terrors. Man merkt Abram Radwan bei seiner Schilderung an, wie sehr er der blühenden, friedlichen Zeit in seiner Heimat nachtrauert. „Der Krieg hat meine Heimat zerstört  – nur noch Aggression und Gewalt beherrschten den Alltag“, sagt er mit leiser Stimme. Die Situation wurde unerträglich, trotzdem ist ihm der Abschied sichtlich schwer gefallen.

Zu den Schrecken des Kriegs kam auch die Willkür, der er und viele andere sich in der umkämpften Stadt ausgesetzt sahen. Er lebte in dem vom Assad-Regime kontrollierten Gebiet und wurde für zwei Monate inhaftiert – ohne Anlass und mit einem erzwungenen Geständnis, in dem er sich selbst des Terrorismus bezichtigen sollte. Nach der Haftentlassung habe er weiter unter Beobachtung des Assad-Geheimdienstes gestanden und eine zunehmende gesellschaftliche Ausgrenzung erlebt. „Ich habe meine Arbeit verloren und wurde als vermeintlicher Terrorist geächtet, obwohl ich nichts getan habe“, klagt er. Die Angst vor weiteren Repressionen und Verhaftungen kam zu der Angst vor den Bombardierungen und dem Terror. Radwan brachte seine Frau und seine zwei Kinder in einem Dorf 30 Kilometer vor Aleppo in Sicherheit und floh mit seinen zwei Schwestern – für eine Flucht der ganzen Familie reichte das Geld nicht.

Sein erster Weg führte ihn zur syrisch-türkischen Grenze. Er erzählt, wie er mit seinen Schwestern in die Hände einer Erpresserbande geriet und sich mit 100 Dollar freikaufen konnte. In der Türkei halfen ihnen Freunde und nach drei Monaten konnte er über Istanbul nach Griechenland flüchten – er bezahlte dafür viel Geld an eine Schlepperbande. Seine Schwestern blieben zurück, denn die weitere Reise blieb gefährlich. Bei der Autofahrt an die türkische Küste hätte er mit 25 Menschen aus verschiedenen Ländern dicht gedrängt zusammen gesessen: „Wir konnten kaum atmen“. Es kam noch schlimmer, denn die Schleuser zwangen sie in ein hoffnungslos überfülltes Boot. „Sie versprachen uns eine Überfahrt mit 25 Menschen an Bord. Aber nun waren wir 55 auf nur 6 bis 7 Metern Schiffslänge.“ Sie überstanden die Fahrt nur deshalb unbeschadet, weil sie nach zwei Stunden von einem Schiff der Küstenwacht aus dem fahruntüchtigen Boot gerettet wurden. In einem Flüchtlingscamp im griechischen Mytilini blieb er nur eine Nacht, um wieder mit dem Schiff nach Athen überzusetzen. Von dort ging die beschwerliche Reise bei Kälte und Wind weiter nach Mazedonien, wo er am 8. Februar noch die Grenze passieren konnte. Die Flucht führte ihn weiter über die Westbalkan-Route – Serbien, Kroatien, Slowenien – und weiter nach Österreich. „Nach mehr als 100 Tagen Flucht kam ich dann in Passau an“, berichtet er von seiner glücklichen Ankunft nach der unsicheren Zeit.

Sehnsucht und Heimweh

Deutschland hat ihn tief beeindruckt durch die Gastfreundschaft und Freundlichkeit, die er und viele andere Flüchtlinge erfahren durften. „Uns wurde geholfen und wir haben uns Willkommen gefühlt“, sagt er dankbar. Sein Weg führte ihn zunächst in die Erstaufnahme nach Langen, seit wenigen Wochen lebt er in der Außenstelle der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Büdingen. Er ist froh über die Unterkunft, doch das beengte Leben sei nicht immer einfach. Er will vor allem endlich richtig ankommen und ein neues Leben aufbauen. Dafür bemühe er sich sehr Deutsch zu lernen, nach knapp vier Monaten in Deutschland versteht er schon einiges und beherrscht bereits einige Sätze. Die Sprache schnell richtig zu sprechen, eine Arbeit und eine eigene Wohnung zu finden und hoffentlich bald seine Frau und Kinder zu sich zu holen – das ist für ihn im Moment das Wichtigste. „Ich habe Sehnsucht nach meiner Familie und großes Heimweh. Wenn die Lage besser wäre, würde ich zurückgehen“, sagt er und man merkt ihm das schwere Herz an, denn seine Hoffnung auf Frieden in Syrien ist gering. Die täglichen Telefonate mit der Familie zuhause sind überlebenswichtiger Trost. Er würde auch sie gern in Sicherheit in Deutschland wissen, aber zunächst muss über seinen Asylantrag entschieden werden.

Das Gespräch mit Abram Radwan wurde mithilfe einer Dolmetscherin geführt.

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